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Zum Tod des Todes

Theologischer Impuls von Pfarrer Dr. Thorsten Latzel, Direktor und Studienleiter für Theologie und Kirche der Evangelischen Akademie Frankfurt

Der letzte Feind +

Seine Macht ist die Nacht / wenn keiner mehr lacht,
wenn alles verfällt / die Hoffnung zerschellt / wenn deine Hand meine nicht hält.

Er ist der Schatten ohne Ende / die dunkle Wende,
das Aus und Vorbei / bricht alles entzwei / voll Schmerz und Geschrei,
gehüllt in ein Nicht / ohne jegliches Licht,

Sollen wir wirklich wagen / ihm zu sagen:
„Du kannst uns mal?“

Seine Macht ist die Nacht / wo es kein Dich mehr gibt / da hat sich‘s ausgeliebt,
kein Angesicht / kein Morgenlicht,
keine Wärme / kein Wort / kein Zufluchtsort.

Er ist die Stille auf Ewig / doch ohne Frieden,
die Ruhe / die Grube / das Dunkel / der Schlund / das Stürzen in Tiefen ohne Grund.
Der schwarze Rachen / der alte Drachen / der letzte Feind.

Sollen wir uns wirklich trauen / uns vor ihm aufzubauen / ihm ins Auge zu schauen:
„Uns kannst du nichts?“

Seine Macht ist die Nacht / wo kein Hoffen mehr wohnt /
in der er allein thront / niemand verschont / mit Kälte entlohnt.

Er ist das Land ohne Zimmer / Der Abschied auf immer.
Der Krebs / die Pest / der bittere Rest.
Der Schnitter / Würger / Sensenschwinger.
Der Knochenmann und Schicksalsbringer.

Er hat weder Stunde, noch Sinn, Maß oder Ziel.
Kennt keinen Gott, Glaube, Gefühl.

Sind wir wirklich so verwegen / allem entgegen / uns mit ihm anzulegen:
„Uns hältst du nicht?“ (TL)

„Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Tim 1,10)

Rein argumentativ sieht es ja - unter uns gesagt - eher etwas mau für uns aus: Es steht - ungefähr - 100 Milliarden zu 1. Für den Tod. Und das eine Mal ist recht schlecht bezeugt. Ein leeres Grab. Ein paar Erscheinungen. Und die auch nur vor den eigenen Jüngerinnen und Jüngern. Religiös befangen, allesamt.

Doch - auf dieses eine Mal kommt es an. Kommt es ein für alle Mal an. Da hat der Tod den Mund zu vollgenommen. Hat sich verschluckt. In diesem Menschen steckte Gott. In diesem Toten steckte das Leben. Der Tod Jesu Christi war tödlich - erst für Jesus Christus, dann für den Tod.

Man muss sich klarmachen, was das heißt, wenn sich das rumspricht: dass selbst der Tod nicht mehr sicher ist.

Alle Menschen sind sterblich,
Sokrates ist ein Mensch.
Also ist Sokrates sterblich. Punkt. Schlusspunkt.

Das wäre das Ende vom Ende, wenn der Tod nicht mehr das Letzte wäre. Oder - der Anfang vom Anfang. Je nachdem wie man will.

Und was für eine Pressemitteilung für diese Woche: „Die Evangelische Kirche in Deutschland verkündet den Tod des Todes. Von Karten und Beileidswünschen bitten wir Abstand zu nehmen.“

Kann man nur nicht zu häufig bringen. Immerhin ist er nun schon bald 2000 Jahre tot, der Tod.
Und dafür hält er sich ziemlich gut. Nirgends gibt es solche Zuwachsraten. Nie starben mehr Menschen als heute. Womit wir wieder beim Anfangs-Problem wären.

Dem Tod ist sein Giftzahn, sein Stachel gezogen: die Gottesferne, die tiefe Verzweiflung, der geistliche Tod. Der Tod kann uns nicht mehr von Gott trennen. Weil Gott selber starb. Für uns starb.

Aber auch so klappert der leibliche Tod noch gehörig mit dem Gebiss.
Der Tod ist - bei Leibe genommen - immer noch sehr beeindruckend.

Daher: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir auferstehen, auf dass wir frei werden.“

„Jesus Christus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.“ (2. Tim 1,10)

Ein unvergängliches Wesen. Ein Leben, über das der Tod schon jetzt keine Macht mehr hat. Ein Leben im Glanz der Ewigkeit, wenn unsere Seelen sich weiten, weil sie Gottes Gegenwart atmen. Ein Leben im Angesicht des Einen, des Ewigen: im Angesicht Jesu Christi, der als die Liebe selbst den Tod besiegt hat. Ein Leben in tiefer Freiheit, frei von allen Mächten, Ängsten, Zwängen. Ein Leben, dessen Rechnung in dieser Welt nicht aufgeht, eben weil es mit Gott rechnet.


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